[Philo] Das Konstrukt vom Konstrukt

Heute wieder eine kurze, eher philosophische Sache. Etwas “aus dem Leben” Gegriffenes.

Es ist spannend und erfahrungsreich zugleich, welchen Personen wir im Laufe unseres Lebens begegnen. Wie wir sie schätzen lernen oder weniger schätzen lernen. Sie fremd oder bekannt erscheinen. Interessant oder Uninteressant für uns sind. Oder sich all diese Eigenschaften und viele weitere mit der Zeit erst ausbilden. Das Bekannte wird zum Fremden oder vice versa.

Im Studium hatten wir uns zuletzt sehr ausführlich und interessiert über allerhand gesellschaftliche Konstrukte unterhalten. All die Tatsachen, die wir als solche zumindest meinen, wahrnehmen zu können. Religion, Nationalität, Grenzen. Nur um ein paar Beispiele von Konstruktionen zu nennen die im Geiste allein ihre Daseinsberechtigung erhalten. Jedoch scheint insbesondere die “Rolle” die einem durch die Gesellschaft zugewiesen wird, je nach eigener Sicht, ein besonders starkes und akzeptierendes Maß zugeschrieben. Oder die Rolle wird abgelehnt.

Wird sie abgelehnt?

In jüngsten Entwicklungen und Erfahrungen aus dem eigenen Lebensbereiche her, weckt es doch die physische Erscheinung der beständigen Akzeptanz dieser Rolle. Einer Wesenheit, sind wir genauer, einem Menschen, dem eine Rolle zugewiesen wurde, kann sich dies meines Wissens nach nicht in der Form aussuchen, als das die zugewiesene Rolle allgemein von jedermann akzeptiert werden würde. Das lässt sich auch schlicht nicht umsetzen, die eigene Rolle mustergültig fest zu machen. Es scheitert daran, das derjenige nie alle anderen Wesenheiten erreicht und zusätzlich nicht alle von der eigenen Mustergültigkeit überzeugen kann.

So versetzt es mich in regelrechtem Erstaunen, wenn sich herausstellt, eine zugeschriebene Rolle ist zur gelebten Rolle geworden. Jene zuvor genannte physische Erscheinung. Auf irgendeinem Dokument, einem Ausweispapier, einem Attest steht “etwas” und dieses geht in die eigene Wesenheit über. Ob richtig oder falsch, ob korrekt oder unkorrekt, gut oder böse spielt keine Rolle. Die Zuschreibung ist geschehen und aufgenommen im Moment der ersten Wahrnehmung und von nun an findet sie Anwendung. Eine sehr aktive, dauerläufige Anwendung.

Im Gespräch und Austausch mit anderen. In der Selbstfindung und -kritik. Immer dann, wenn diese Rolle einen Nutzen erfülle. Zur Verdeutlichung der Ablehnung, zum Zwecke der Legitimation, in Kombination oder im Zwischenraum mit Tendenzen. Sie steuert zusätzlich ganz allein zu einem besonderen Kreis bei. Kreis der Alkoholkranken. Kreis der Schachspieler. Kreis der Radfahrer. Kreis der Forscher. Kreis der nach schriftlicher Mitteilung vom Doktor und per ICD-Nummer kodierten Menschen einer Erkrankung. Kreis der durch Vermögen und Besitz “legitimierten” Elite. Kreis der Blogger. Kreis der Photographen und viele kreiselnde Kreise mehr.

So entstehen Konstrukte aus anderen Konstruktionen. Ein Teufelskreis der dann auch noch in Eigenregie, gewünscht oder unerwünscht, befeuert und lebendig gehalten wird. Es sei zur Vorsicht erwähnt, das es hier nicht um die Leugnung von Erkrankungen geht. Diese sind sehr viel realer als die Konstruktion einer Grenze oder Nationalität. Es geht eher um das Wecken des Gedankens, ob eine Rolle nicht Überhand gewinnt. Sie einen dominanten Platz im Leben einnimmt, der ihr nicht gebührt, nur weil diese Rolle auf einem Blatt Papier haptisch erfahrbar wurde. “Ist das die Rolle in der ich mich sehen möchte?” lautet womöglich die Frage. Insbesondere dann, wenn die Antwort “Nein, das ist nicht die Rolle in der ich mich sehen möchte.” lautet, stellt sich endlich die Frage, ob einer Ohnmacht gegenüber der Zuweisung, Zementierung und gänzlichen Auflösung nicht anheim zu fallen, was hätte sein können?

Ist es somit nicht wichtiger, dieses Konstrukt vom Konstrukt zu dekonstruieren? In einem Gefüge das bereits aus unzähligen Konstruktionen selbst besteht?

Grüße wünscht euch
Kevin in der Rolle als “Der Gedankenverlorene”.