[Buchempfehlung] Die Werbung ist ein lächelndes Aas

Aufgrund folgender Untaten eröffne ich hiermit den Nürnberger Prozess gegen die Werbung:

Verschwendung von Unsummen
Soziale Nutzlosigkeit
Lüge
Verbrechen gegen die Intelligenz
Heimliche Verführung
Verherrlichung der Dummheit
Ausgrenzung und Rassismus
Verbrechen gegen den Inneren Frieden
Verbrechen gegen die Sprache
Verbrechen gegen die Kreativität
Hemmungsloses Ausplündern

  • – aus „Die Werbung ist ein lächelndes Aas“ von Oliviero Toscani (1996), Mannheim: Bollmann Verlag

Mit jenen markanten Worten beginnt das zweite Kapitel im Buch von Toscani und ich muss gestehen, das ich es nicht nur einmal gelesen habe. Insbesondere seit Beginn des Studiums und weiterer Lektüre wird einem umso bewusster, auf welchem Pfad sich ein jeder bewegen mag.

Das Buch verdient sehr klar einer Empfehlung für diejenigen, die es noch nicht kennen und für diejenigen, die in der aktuellen Zeit nur Zahlen, Votes, Quoten, Reichweite und vergleichbare Begriffe allein kennen und somit zur Destabilisierung dessen was uns Lieb und Teuer sein sollte beitragen. In seinem Buch geht Herr Toscani, selbstredend, auch auf seine Erfahrung mit der Benetton-Kampagne ein und zeigt Mittel und Wege auf, wie Photographen die Werbung selbst nutzen können um zeitgleich ein Exempel an ihrer Wesenheit des Konsums oder an der Ungerechtigkeit selbst zu statuieren.

Es ist erstaunlich mit welcher Hartnäckigkeit, mit welchem Geschick die Werbung der Hersteller uns an Superlative gewöhnt und anregt, das wir mit jenem oder einem anderen Produkt des Sortiments in einer viel heileren, viel besseren und viel bunteren Welt leben könnten. Wie gut dieses Wesen der Werbung funktioniert, zeigt sich beispielsweise auch auf YouTube, wenn große Photographen auf der einen Seite erklären, das unsere Kreativität, unser Schaffen nicht von technischen Wünschen geleitet werden sollten – in den nächsten fünf Videos jedoch Produktvorstellung folgen, die uns das Heil auf Erden versprechen. Natürlich dürfen die Links mit Token nicht fehlen um daran zu verdienen. Natürlich.

Das ist einer der Gründe, warum ich meine Ausrüstung stets in grellem Orange „verhänge“ und gerade nicht auf technische Fragen eingehe, außer es stellt sich eine absolute Notwendigkeit heraus.

Es mag an einigen Stellen auf wenig Verständnis stoßen, wenn im Buch von Toscani beschrieben wird, wie er für eine Aufklärungskampagne in Italien sich ein völlig zusammengestauchtes Bild eines Unfallautos suchte, alle technischen Daten drüberschrieb und das Modell „Turbo GTI 4-Vollidioten-weniger“ taufte. Ja, es ist provokant und ich selbst habe hin und wieder mit Erstaunen auf die Zeilen geschaut, wenn er sehr unkonventionelle Wege und Mittel der Aufklärung nutze. Andererseits, statt mich gleich innerlich zu echauffieren, suchte ich nach Gründen. Jene Gründe, warum der Autor diese und jene Mittel halt gewählt hat und wie er überhaupt „tickt“. Bestätigt hat sich durch das Buch somit eine Eigenheit, die oft proklamiert, selten gelebt wird: „Vollständig informieren und über den Tellerrand hinausschauen.“ Jeder redet davon doch eher selten erfolgt eine Umsetzung dessen.

Reichweite. Klickzahlen. Views. All das sollte in keinem Fall ein bestimmendes Kriterium der eigenen Kreativität und des Schaffens darstellen. Es führt am Ende nur dazu, das wir uns gruppendynamisch in eine einheitliche Richtung zubewegen und zur Befriedigung dessen beitragen, was aus „vernünftiger Sicht“ nicht sein sollte.

Wer es bis hierher durchgehalten hat, der bekommt jetzt auch eine ISBN-Zahl vorgesetzt. Wenn der ein oder andere erreicht wurde, ist das sehr gut und es ist gemeinhin ein Thema, das nie übersättigt sein kann.

ISBN: 3-927901-76-8

 

Hochachtungsvolle Grüße wünscht
Kevin.